Self-Care Blog

Ich dachte, ich laufe einen Halbmarathon...

...Dabei habe ich etwas viel Wichtigeres gelernt.

Eigentlich wollte ich nie einen Halbmarathon laufen.

Laufen war für mich immer etwas ganz anderes. Es ging nie darum, möglichst schnell zu sein oder irgendwelche Rekorde aufzustellen. Für mich war Laufen immer ein Ausgleich. Es war die Zeit, in der ich den Kopf frei bekommen habe, draußen in der Natur sein konnte und einfach einmal nur auf meinen Körper gehört habe. Gerade als Mama von zwei Kindern sind diese Momente unglaublich wertvoll geworden. Wenn ich meine Laufschuhe anziehe und loslaufe, bleibt der Alltag für einen kurzen Moment stehen.

Mit dem Laufen begonnen habe ich noch vor meiner zweiten Schwangerschaft. Damals war mein Bruder mein Lauf-Buddy und ich hätte nie gedacht, wie sehr uns diese gemeinsame Zeit zusammenschweißen würde. Natürlich waren wir auch vorher ein gutes Team, aber beim Laufen entstehen irgendwie andere Gespräche. Wir haben über Gott und die Welt geredet, miteinander gelacht, uns gegenseitig motiviert und einfach Zeit miteinander verbracht, die im Erwachsenenleben oft viel zu kurz kommt.

Als ich schwanger wurde, habe ich das Laufen relativ früh pausiert. Das war für mich völlig in Ordnung, denn ich wollte meinem Körper die Ruhe geben, die er in dieser Zeit gebraucht hat. Drei Monate nach der Geburt habe ich dann langsam wieder begonnen und war ehrlich gesagt einfach nur dankbar, dass sich mein Körper Schritt für Schritt wieder kräftiger angefühlt hat.

Mein Bruder war zu diesem Zeitpunkt natürlich schon deutlich fitter als ich. Deshalb bin ich viele Einheiten alleine gelaufen, bis ich irgendwann meine Nachbarin dafür begeistern konnte. Wir entwickelten eine richtig schöne Routine und gingen zwei Mal pro Woche gemeinsam laufen. Meistens waren es zwischen vier und sechs Kilometer. Es ging dabei nie um die Zeit. Es ging darum, draußen zu sein, sich zu bewegen und den Kopf frei zu bekommen.

Irgendwann kam mein Bruder dann mit einer Idee um die Ecke, die ich im ersten Moment für komplett verrückt hielt.

„Komm, wir melden uns gemeinsam für einen Halbmarathon an.“

Ich weiß noch genau, wie ich ihn angeschaut habe und nur dachte: Der spinnt doch. Ich laufe sicher keine 21 Kilometer.

Doch wie das manchmal so ist, blieb es nicht nur bei einer verrückten Idee. Mein anderer Bruder war plötzlich ebenfalls Feuer und Flamme und ehe ich mich versah, hatten wir uns alle drei im Februar für einen Halbmarathon im Juni angemeldet.

Ab diesem Zeitpunkt entstand unsere kleine Lauf-Community. Wir gründeten eine WhatsApp-Gruppe, schickten uns nach jedem Training unsere Strecken, Zeiten und Erfolge und motivierten uns gegenseitig. Es machte richtig Spaß, gemeinsam auf dieses Ziel hinzuarbeiten und zu sehen, wie jeder von uns Schritt für Schritt Fortschritte machte.

Je näher der Wettkampf rückte, desto öfter schlichen sich allerdings auch Zweifel ein.

Schaffe ich das überhaupt?

Hält mein Knie durch?

Reicht meine Kondition?

Und was ist, wenn ich als Letzte ins Ziel komme?

Obwohl ich anderen Menschen immer wieder vermittle, dass Sport nichts mit Perfektion zu tun hat, sondern damit, den eigenen Körper besser kennenzulernen, setzte ich mich plötzlich selbst unter Druck. Rückblickend finde ich das fast ein bisschen lustig. Manchmal sind wir eben selbst unsere strengsten Kritiker.

Und dann kam alles ganz anders.

Drei Wochen vor dem Halbmarathon wurde ich richtig krank.

Nicht ein bisschen verkühlt. Nicht ein paar Tage Halsweh.

Sondern so richtig.

Ich hatte eine eitrige Angina, mehrere Tage hohes Fieber und war komplett außer Gefecht gesetzt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich wirklich selten krank bin. Umso mehr hat mich das überrascht. Zuerst habe ich versucht, mit pflanzlichen Mitteln auszukommen, weil ich noch stille und möglichst wenig Medikamente nehmen wollte. Schlussendlich führte aber kein Weg an einem Antibiotikum vorbei und ich lag fast zwei Wochen flach.

Natürlich kreisten meine Gedanken ständig um den Halbmarathon. Während meine Brüder weiter trainierten, lag ich im Bett und hatte das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft.

Doch das war gar nicht das Schlimmste.

Das Verrückteste passierte mitten im Fieber.

Ich kann gar nicht genau beschreiben, warum oder wie dieser Gedanke plötzlich da war. Aber auf einmal wurde mir etwas bewusst, das mich unglaublich erschüttert hat.

Ich hadere schon länger mit meinem Körper. Nach meiner zweiten Schwangerschaft fiel es mir viel schwerer als nach der ersten, wieder mein Wohlfühlgewicht zu erreichen. Obwohl ich gestillt habe und regelmäßig Sport machte, tat sich auf der Waage einfach nichts. Rational wusste ich natürlich ganz genau, warum das so war. Mein Körper leistete jeden Tag Unglaubliches. Er versorgte nicht nur mich, sondern gleichzeitig auch noch ein kleines Mädchen, das ich über alles liebe. Eigentlich hätte ich meinem Körper dafür dankbar sein müssen.

Und trotzdem war da dieser Frust.

Und plötzlich wurde mir klar, worauf sich dieser Frust unbewusst richtete.

Ich hatte meiner Tochter die Schuld gegeben.

Allein diesen Satz aufzuschreiben, fällt mir unglaublich schwer.

Nicht, weil ich sie nicht liebe – ganz im Gegenteil. Ich liebe sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber irgendwo tief in mir hatte sich dieser Gedanke festgesetzt: Seit der zweiten Schwangerschaft ist alles schwieriger geworden.

Als mir das bewusst wurde, brach etwas in mir auf. Ich habe einfach nur geweint. Lange. Ohne mich dafür zu verurteilen. Ich ließ dieses Gefühl zum ersten Mal einfach da sein.

Und weißt du was?

Danach fühlte ich mich plötzlich unglaublich erleichtert.

Fast so, als hätte mein Körper nur darauf gewartet, dass ich endlich hinschaue, anstatt weiter dagegen anzukämpfen.

Das Verrückteste daran?

In den Wochen danach verlor ich ganz nebenbei fünf Kilogramm. Nicht, weil ich plötzlich eine neue Diät gemacht hätte.
Nicht, weil ich härter trainiert hätte.

Sondern weil ich das Gefühl hatte, endlich aufgehört zu haben, gegen meinen eigenen Körper zu kämpfen.

Eine Woche vor dem Halbmarathon durfte ich endlich wieder laufen gehen. Natürlich wollte ich wissen, ob ich noch fit genug war und machte direkt den Fehler, elf Kilometer laufen zu wollen. Mein Knie meldete sich sofort und meine Kondition war natürlich auch nicht mehr dort, wo sie ein paar Wochen zuvor gewesen war.

Ich war frustriert.

Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich einfach nicht perfekt vorbereitet war. Und genau in diesem Moment änderte sich mein Ziel. Es ging plötzlich nicht mehr darum, eine bestimmte Zeit zu laufen.

Es ging einfach darum, überhaupt an der Startlinie zu stehen und meinen Körper bestmöglich durch diese 21 Kilometer zu begleiten.

Am Tag vor dem Halbmarathon drehte ich noch eine kleine Runde. Das Knie fühlte sich überraschend gut an und ich konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas durchatmen.

Der Halbmarathon selbst war wunderschön. Nicht leicht. Vor allem mental war es eine echte Herausforderung.

Aber überall standen Menschen an der Strecke, die angefeuert, geklatscht und motiviert haben. Genau diese Stimmung hat mich getragen. Ab Kilometer 15 begann mein Knie wieder zu schmerzen und natürlich gab es Momente, in denen ich mich fragte, warum ich mir das eigentlich antue.

Und dann kam irgendwann diese Ziellinie. Ich habe es geschafft. Sogar unter drei Stunden. Natürlich war ich stolz.

Aber heute, mit ein bisschen Abstand, bin ich gar nicht wegen der Zeit stolz.

Ich bin stolz, weil ich auf diesem Weg etwas gelernt habe, das viel wertvoller ist als jede Medaille.

Unser Körper ist nicht unser Gegner.

Er arbeitet jeden Tag für uns.

Manchmal trägt er neues Leben in sich.

Manchmal heilt er Krankheiten.

Manchmal bringt er uns 21 Kilometer weit.

Und manchmal wartet er einfach nur darauf, dass wir endlich aufhören, gegen ihn zu kämpfen.

Vielleicht war der Halbmarathon deshalb gar nicht mein eigentliches Ziel.

Vielleicht musste ich diese 21 Kilometer laufen, um meinem Körper endlich wieder zuhören zu lernen. 💛

Mehr lesen